Ladeanimation dreizehn+13 Gedichte

September 2026 | Marie Luise Kaschnitz

„Welle kam und (…) Welle ging“. Marie Luise Kaschnitz wählt in ihrem Gedicht „Am Strande“ Wasserwogen als Motiv für die Vergänglichkeit und Wiederkehr menschlichen Schaffens, menschlichen Lebens. Sie zeichnet das Bild einer Strandsituation des gegenwärtigen Tages, die das lyrische Ich zum „wieder[holten]“ Mal beobachtet hat und nun reflektiert. Es „sah“ dem lyrischen Du dabei zu, wie es am Ufer – im „Schaum der Wellen“ – mit seinem „Finger (…) Zeichen“ im „Sand“ eingrub, die sich allesamt wieder auflösten.

Als „Spiel / Mit der ewigen Vergänglichkeit“ beschreibt das lyrische Ich diesen Vorgang, bei dem das lyrische Du „ganz versunken“ immer wieder aufs Neue erschuf, was kurz darauf „zerfiel“ – vom Wasser überspült wurde. „Welle kam und (…) Welle ging “.

Spielerisch leicht scheint das lyrische Du diese Zerstörung des eigenhändig Erschaffenen, des schöpferischen Werks, erlebt zu haben. Unbeschwert von der Unbeständigkeit, frei und friedlich verbunden mit der Natur.

Das wird in der dritten Strophe deutlich, als die Dichterin die beiden miteinander in Kontakt treten lässt. „Lachend hast du dich zu mir gewandt.“ Dann legt sie das unterschiedliche Empfinden der Situation offen: Der Freude des lyrischen Dus steht der „Schmerz“ des lyrischen Ichs gegenüber. „Denn die schönste Welle zog zum Strand / Und sie löschte deiner Füße Spur.“

Während die eine Person, vielleicht ein Kind, sich gegenwartsbezogen und spielerisch auslebt, unter dem Verlust nicht leidet, sondern ihn als Chance für Neues sieht, ist die andere im selben Moment durchdrungen von der Erkenntnis der „ewigen Vergänglichkeit“.

Die Fußspuren im Sand, als Sinnbild eines Lebenswegs, sind nicht von Dauer. Dass sie verschwinden, ist unausweichlich. Und die Vergänglichkeit des Menschen auch.

Alles menschliche Schaffen zeigt sich in Wellen. Sie kommen, bleiben eine Weile und gehen. Stile, Moden, Epochen, Imperien.

Die natürliche Endlichkeit wurde dem lyrischen Ich schmerzlich offenbar, als es die Unbeschwertheit und Schönheit des Moments, das lyrische Du, liebevoll beobachtete.

„Welle kam und (…) Welle ging“.

Mit „Am Strande“ schafft Marie Luise Kaschnitz 1935 etwas Bleibendes, ihre Lyrik hinterlässt Spuren, die auch nach fast einhundert Jahren noch sichtbar sind – gewidmet ist das Gedicht ihrer 1928 geborenen Tochter Iris Constanza, die ihre ersten Lebensjahre in Rom verbringt.

Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett wird 1901 in Karlsruhe in eine badische Adelsfamilie geboren. Sie wächst in Potsdam und Berlin auf, wo der Vater zum Flügeladjutant Kaiser Wilhelms II. ernannt wird, die Mutter ist ausgebildete Sängerin. Beide Eltern sind musisch interessiert, und so gehören Theater- und Konzertbesuche zur großbürgerlichen Erziehung des Mädchens und dessen

Geschwistern. Ab 1917 bewohnt die Familie das Schloss Bollschweil bei Freiburg.

Nach dem Abitur lässt sie sich in Weimar zur Buchhändlerin ausbilden. 1924 zieht sie nach München, wo sie in einem Verlag arbeitet und den Wiener Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg kennenlernt – im Jahr darauf leben und heiraten die beiden in Rom.

Nachdem 1928 ihre gemeinsame Tochter geboren wird, beginnt Marie Luise Kaschnitz, Prosa und Gedichte zu veröffentlichen, und sie verfasst Romane. Sie schreibt über menschliche Beziehungen und Konflikte, über die Liebe, die Natur, das Leben in Italien und die griechische und römische

Mythologie – angeregt durch zahlreiche Studienreisen mit ihrem Mann. Ihn unterstützt sie in

seiner Arbeit und kümmert sich um Familie und Haushalt. Dem Schreiben widmet sie sich als

Nebensache, bei Cafébesuchen oder Zugfahrten. Oft verarbeitet sie in ihren Werken eigene

Erlebnisse und Empfindungen, auch bedrückende Erfahrungen ihrer Kindheit. Guido bestärkt sie in ihrem Schreiben, und 1933 erscheint ihr erster Roman „Liebe beginnt“.

Das Erleben des Zweiten Weltkriegs verändert Kaschnitzs dichterisches Schaffen, und sie wird zu einer bedeutenden Stimme der Nachkriegsliteratur. Inzwischen lebt sie mit Guido und Iris wieder in Deutschland, an der Universität Frankfurt leitet er den Lehrstuhl für Klassische Archäologie.

In ihrer Lyrik findet sie Worte für die Stimmungen unmittelbar nach dem Krieg, bringt das Entsetzen zum Ausdruck, wie etwa 1948 in ihrem Band „Totentanz und Gedichte zur Zeit“. Sie beschreibt die Zerstörung, die Trümmer, die Not, das Leid – den Schmerz über eine menschengemachte, unnatürliche Vergänglichkeit.

In den 1950er-Jahren kehrt die Familie nach Rom zurück, die Dichterin ist dort Teil eines deutschsprachigen Intellektuellenkreises, Ingeborg Bachmann wird ihre enge Freundin. Kaschnitz beobachtet Menschen, hört zu und lässt eigene Erfahrungen in ihre Werke einfließen. Ihr Stil ist psychologisch und direkt, oft schreibt sie in der Ich-Perspektive.

Sie veröffentlicht Hörspiele, Essays, Erzählungen – 1955 wird ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen. Auf den Höhepunkt ihres schriftstellerischen Schaffens folgt ein einschneidender Schicksalsschlag, 1958 stirbt Guido an einem Hirntumor.

Nach seinem Tod poetisiert sie Gefühle von Trauer und Einsamkeit, der Angst und des Abschieds.

Der Schmerz des lyrischen Ichs über die Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens durchdringt die Dichterin von „Am Strande“ ein weiteres Mal.

Immer wieder schreibt sie über Rom – für sie ein Ort glücklicher Erinnerungen, ihre „Herzlandschaft“ voller Gegensätze – mit den Stränden am Tyrrhenischen Meer vor den Toren der Stadt. Darin schwimmt Marie Luise Kaschnitz 1974 und erkrankt an einer Lungenentzündung. Sie stirbt in Rom im Alter von 73 Jahren.

„Welle kam und (…) Welle ging“. Ihre Zeichen auf Papier bleiben lesbar.