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Oktober 2026 | Rainer Maria Rilke

Freiheit und Ungebundenheit schienen für Rainer Maria Rilke unerlässlich, um zu dem Dichter zu werden, der er sein wollte.

Im Sommer 1902 verlässt er seine Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff, und die gemeinsame Tochter Ruth – knapp anderthalb Jahre nach der Eheschließung. Der 26-Jährige kehrt auch Deutschland den Rücken, um in Paris eine unbürgerliche Dichterexistenz zu leben und sich ausschließlich seinem Werk zu widmen. Kurz darauf verfasst er dort im September 1902 „Herbsttag“. In dem symbolistischen Gedicht beschreibt Rilke den Übergang vom Sommer zum Herbst. Er kreiert Stimmungsbilder eines solchen Tages – in den ersten beiden Strophen von Wandel und Reife in der Natur; in der dritten von menschlicher Einsamkeit und Ruhelosigkeit. Ein Zwiegespräch mit Gott, der Wetter und Natur lenkt, mündet in das Selbstgespräch eines unruhig Suchenden, der seine Zeit verstreichen sieht. Im Sinnbild eines Herbsttages zeigt Rilke das Verwirklichen oder das Verfehlen einer erfüllten Lebensweise. Die Natur erscheint nahezu vollendet. Den einsamen Menschen erwartet auf längere Zeit unabänderlich ein nach innen gewandtes Leben.

Ein solches führte Rilke, nachdem er sich gegen ein Familienleben entschieden hatte. Gefühle von Zugehörigkeit und Heimatverbundenheit zu entwickeln, scheint für ihn schwer und hinderlich gewesen zu sein – Freiheit und Einsamkeit sind auch in seinem Werk leitmotivisch; die widersprüchlichen Empfindungen, die mit seiner Lebensform einhergehen, begleiten ihn bis an sein Ende. In einem schweizerischen Sanatorium stirbt er im Alter von 51 Jahren.

Die Corona-Pandemie rückt die Stimmungsbilder der dritten Strophe von „Herbsttag“ in das Licht aller vier Jahreszeiten. „Wachen, lesen, lange Briefe schreiben“ und auch „in den Alleen hin und her / unruhig wandern“ gehören unfreiwilligerweise zum eingeschränkten Alltag vieler Menschen – vor allem derer, die ohne Gefährtinnen oder Gefährten leben. Wenn die Stadt im Lockdown ihre Reize nicht mehr verströmt – Kultur, Konsum, Kulinarik, Kumpanei – wird die Natur mehr denn je zum Ort der Freiheit.

René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke – 1897 änderte er seinen ersten Vornamen in Rainer – stellt in „Herbsttag“ Natur und Mensch einander gegenüber. Während er die Natur in ihrer Vollendung positiv und kraftvoll beschreibt, konfrontiert er den Menschen mit seiner eigenen Vergänglichkeit. Für den unbehausten Menschen können die „Schatten“ und „Winde“ bedrohlich werden, letztlich ist er ihnen ausgesetzt. Hat der Mensch bis zum Herbst seinen Platz nicht gefunden, ist der Zeitraum für ein erfülltes Leben möglicherweise verpasst. Der Mensch in seiner natürlichen Unvollkommenheit sieht sich ausgesetzt der als vollkommen empfundenen äußeren Natur.