Mai 2026 | Rose Ausländer
Was verbirgt sich hinter dem Offensichtlichen, was liegt unter der Oberfläche? Rose Ausländer poetisiert in „Wir sind zwei Lotusblüten“ das Geheimnis um die emotionale Verbundenheit zweier Menschen. Ein lyrisches Ich lenkt die Aufmerksamkeit eines lyrischen Dus auf deren Beziehung zueinander und zeichnet das Bild zweier „Lotusblüten“, die „getrennt“ auf dem Wasser schwimmen. Die oberflächliche Unterschiedlichkeit der beiden ist unübersehbar, die tiefgründige Gemeinsamkeit beim genauen Betrachten ist bedeutender.
Denn „der Blick, der uns erkennt,“ – mit einem Zeilensprung verbindet die Dichterin die ersten beiden Strophen, verführt die Lesenden so sprachlich fließend zum Abtauchen, lenkt den „Blick“ weit unter die Wasseroberfläche, – „der uns wissend ins Geheimnis / unsrer Tiefe folgt“, nur für den wird sichtbar: Ihr „Wurzelwerk ist eines“.
Zwei Menschen, die sich liebend begegnen, freundschaftlich oder als Paar, können sich verstehen und verwurzelt fühlen, als hätten sie einen gemeinsamen Ursprung – wie Geschwister. Die Unmöglichkeit vermählter Geschwister deutet die Besonderheit einer solchen Beziehung an, etabliert eine eigene Ebene, um die nur die Beteiligten wissen, die sich darin begegnen. „Brudergatte, Schwesterbraut!“
Das lyrische Ich erklärt die Verbindung der beiden für unauflöslich, und das gemeinsame „Wurzelwesen“ hält dem Einwirken äußerer Kräfte stand. „[W]ie uns auch die Welle treibt, / bleiben wir (…) / ineinander einverleibt!“
Verbindende Tiefe der Liebe, die zum Erblühen führt.
Das Gedicht endet mit einem Ausrufezeichen.
Das Wesen einer Beziehung zwischen zwei Menschen ist für Außenstehende fast immer nur oberflächlich ersichtlich, manchmal bleibt es unergründlich. Den Kern und die Wahrheiten ihrer Beziehung kennen nur die Beteiligten selbst.
Bei Rose Ausländer liegt das „Geheimnis unserer Tiefe“ in der gemeinsamen Verwurzelung. Nicht jeder „Blick“ vermag in die Tiefe zu sehen, die Tiefen einer wahren emotionalen Verbindung zu erkennen. Nur wer eine Ahnung von dieser Ebene der Verwurzelung hat und bereit ist, dorthin vorzudringen – sei es auf Höhen oder in Abgründe –, dem erschließt sich, was der oberflächlichen, äußerlichen Betrachtung verborgen bleibt.
„Wir sind zwei Lotusblüten“ notiert Rose Ausländer 1945 handschriftlich in ein Notizbuch, veröffentlicht wird das Gedicht sechs Jahrzehnte später in ihrem Nachlass.
Das Motiv der Verwurzelung ist leitmotivisch in ihrem Leben und in ihrem lyrischen Werk.
Rosalie Beatrice Scherzer wird 1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren, heute eine Stadt der Ukraine. Ihr Leben umfasst beinahe das gesamte 20. Jahrhundert – es ist geprägt von den Erfahrungen zweier Weltkriege, des Holocausts, von Vertreibung und Flucht, vom Verlust der Heimat und von der Verwurzelung in der deutschen Sprache, ihrer Muttersprache.
Sie wächst mit einem jüngeren Bruder in einem bürgerlichen, liberal-jüdischen Elternhaus auf. Im Ersten Weltkrieg flüchtet die Familie 1916 vor der russischen Besatzung aus ihrer Heimatstadt, in Wien absolviert Rose das Abitur und eine käufmännische Berufsausbildung. Die Rückkehr nach Czernowitz erfolgt nach Kriegsende. Rose Scherzer besucht Vorlesungen der Literaturwissenschaft und Philosophie, bis ihr Vater stirbt und der finanzielle Druck steigt – im Alter von 20 Jahren wandert sie, in der Hoffnung auf bessere berufliche Möglichkeiten, mit ihrem Freund Ignaz Ausländer in die USA aus – dort heiraten die beiden.
Die erste Hälfte der 1920er-Jahre verbringt Rose Ausländer in Nordamerika, sie arbeitet als Buchhalterin und Redakteurin, wird in New York Angestellte einer Bank, „unter dem lieblosen Herzschlag der Uhren“, und sie publiziert ihre ersten Gedichte.
1926 reist sie nach Czernowitz und lernt während ihres Heimatbesuchs den Grafologen und Kulturjournalisten Helios Hecht kennen. Der Beginn einer großen Liebe.
Rose Ausländer trennt sich von ihrem Ehemann und lebt mit Helios Hecht zusammen – in Europa und in den USA.
1935 endet diese Liebe ihres Lebens abrupt: Hecht publiziert, ohne dass sie davon weiß, einige ihrer Gedichte mitsamt einem grafologischen Gutachten. Für Rose Ausländer ein einschneidender und schmerzhafter Vertrauensbruch, infolgedessen sie die Beziehung beendet.
1939 veröffentlicht sie ihr erstes Buch „Der Regenbogen“ – mit Gedichten, in denen sie sprachlich sensibel Menschlichkeit und Natürlichkeit thematisiert. Im darauffolgenden Jahr marschieren sowjetische Truppen in Czernowitz ein. Unter dem Vorwurf, eine Spionin der USA zu sein, wird Rose Ausländer, die sich zur Pflege ihrer kranken Mutter in ihrer Geburtsstadt aufhält, festgenommen und vier Monate inhaftiert. Von 1941 bis 1944 besetzen die Nationalsozialisten Czernowitz, zehntausende Jüdinnen und Juden sterben. Unter fortwährender Todesangst überlebt sie diese Zeit im Ghetto der Stadt und in Kellerverstecken, bis zur Befreiung durch die sowjetische Armee.
Schreiben ist für sie in dieser Zeit ein Mittel des Überlebens.
Beim Verfassen von Gedichten kann sie in eine Welt der Harmonie und Schönheit, des Zeitlosen, fliehen. Und gleichzeitig sind es Zeitzeugnisse des Unfassbaren. Sie findet Worte für ihre Angst und für das entsetzliche körperliche und seelische Leid.
1945 notiert sie die Verse von „Wir sind zwei Lotusblüten“ in ihr Notizbuch. Harmonie und Schönheit, Liebe und Verwurzelung.
„Doch der Blick, der uns erkennt,
/ der uns wissend ins Geheimnis
/ unsrer Tiefe folgt …“
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlässt Rose Ausländer ihre Heimat erneut. Sie kehrt nach New York zurück, und sie kehrt für viele Jahre der deutschen Sprache den Rücken. Bis zu einer Wiederbegegnung 1957 mit dem Dichter Paul Celan, den sie im Czernowitzer Ghetto kennengelernt hatte, verfasst sie ihre Lyrik ausschließlich auf Englisch.
Ab 1965 lebt Rose Ausländer in Düsseldorf, im selben Jahr veröffentlicht die 64-Jährige ihren zweiten Gedichtband „Linder Sommer“. Ihre Popularität als Dichterin wächst, und in den 1970er-
Jahren erscheinen fast jährlich neue, viel beachtete Buchpublikationen mit steigenden Auflagen. Sie wird Bewohnerin im Nelly-Sachs-Haus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.
Nach einem Oberschenkelhalsbruch zieht sie sich dort ab 1977 in ihr Zimmer zurück, verzichtet weitgehend auf Kontakte zur Außenwelt und konzentriert sich voll auf ihr Schreiben. Es ist ihre lyrisch produktivste Lebensphase – die Themen ihrer Gedichte sind breitgefächert. „Alles kann Motiv sein.“
Rose Ausländers Werk umfasst 3000 Gedichte. Sie schreibt über ihre Heimat Bukowina, die Shoah und das Leben im Exil. Über Todestransporte, den Kampf ums Leben und Überleben. Über die Kindheit und das Verhältnis zur Mutter, die Sprache, die Ausdrucksmittel und Verwurzelung ist. Über die Liebe, das Alter und den Tod.
Ihr Schreibtempo ist zügig und langsam zugleich. Die erste Fassung steht schnell, darauf folgt ein langer Prozess der Überarbeitung und des Feinschliffs, der kann Tage, Wochen oder Jahre dauern.
Sie dichtet über das, was sie bewegt und geprägt hat.
Das ist bis zuletzt immer wieder die Liebe ihres Lebens, Helios Hecht. „[W]ie uns auch die Welle treibt, / bleiben wir (…) / ineinander einverleibt!“
1984 wählt sie vier Jahrzehnte später wieder die Lotusblume als Symbol und schreibt in „Liebe VI“: „Wir werden uns wiedersehen.“
Der Stil ihres Schreibens wandelt sich im Laufe ihres Lebens. Im Alter entwickelt sie ihre Poetik neu, sie lässt klassische Formen und Normen der Dichtkunst ihres Frühwerks hinter sich – auch den neuromantischen Wortschatz. Ihre Sprache wird lakonisch knapp, sie vermag es, mit wenigen Worten viel zu vermitteln. 1986 schreibt sie ihr letztes Gedicht. Und darunter: „Es ist genug – es ist mir kein Bedürfnis mehr.“
Zwei Jahre später stirbt Rose Ausländer in Düsseldorf im Alter von 86 Jahren. Vorgedrungen in die Tiefen, an die Wurzeln. Zu dem, was hinter dem Offensichtlichen, was unter der Oberfläche liegt.
