März 2026 | Eduard Mörike
„Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“.
Es ist die Jahreszeit, in der Pflanzen und Tiere aus ihrer Winterruhe erwachen. Die Tage werden länger, Sonnenlicht und steigende Temperaturen lassen die Natur sprießen und das Tierreich seine Lebendigkeit entfalten. Im März, April und Mai wird die Kraft der Natur in ihrer ganzen Pracht für den Menschen spürbar. Sie wird sichtbar, hörbar, riechbar – greifbar. 1829 poetisiert Eduard Mörike die vielfältigen Sinneseindrücke im aufkeimenden Frühling und verkündet im Titel dessen Wiederkehr: Er ist’s.
Ein „blaues Band“ wählt der Dichter als ersten Vorboten, dessen „[F]lattern durch die Lüfte“ die Ankunft des „Frühling[s]“ erahnen und ihn lebendig erscheinen lässt. Dieser zeigt seine Farben, ist zu sehen und zu hören, verströmt vertraute Gerüche. Er kündigt sich am Himmel und in der Luft an. Am Boden tauchen Blumen, „Veilchen“ auf. Noch „träumen“ sie, doch sie „[w]ollen balde kommen.“ Der Frühling scheint unmittelbar bevorzustehen.
Im siebten Vers ist die Beschreibung der wahrgenommenen Umwelt dann mit einem Gedankenstrich unterbrochen, und das lyrische Ich lenkt die Aufmerksamkeit nachdrücklich auf einen erklingenden „Harfenton“. Ein weiterer und eindeutiger Frühlingsbote. Nun ist es sich sicher: „Frühling, ja du bist’s!“ Der Dichter rückt diesen Vers ein – wie ein Innehalten, auf das die erleichterte Bestätigung folgt – und bildet dabei einen Reim mit der Titelzeile „Er ist’s“. Zum Ende bekräftigt das lyrische Ich den Ausruf noch einmal. „Dich hab’ ich vernommen!“ Die ersehnte Jahreszeit ist eingetroffen.
Eduard Mörike bildet das Erwarten des Frühlings auch im Sprachmuster seines Gedichts ab. Anfangs erstrecken sich die Sätze über zwei Zeilen, zum Ende formuliert er jeweils einzeilig mit Ausrufezeichen. Der personifizierte Frühling scheint sich langsam anzunähern. Der Mensch sieht ihn erst, dann hört er, schließlich riecht er ihn.
Das Gedicht umweht eine Atmosphäre durchweg positiver Erwartung, eine spielerisch sanfte Spannung, die sich kraftvoll und freudig entlädt – in dem Moment der Erkenntnis, dass der angekündigte Frühling endgültig da ist.
So idyllisch und konfliktfrei wie Mörike die frische Frühlingslandschaft in „Er ist’s“ beschreibt, verläuft sein Leben nicht. 1804 wird er als Sohn einer Pfarrerstochter und eines Amtsarztes in Ludwigsburg geboren – als siebtes von dreizehn Kindern. Sechs seiner Geschwister sterben jung, und auch sein Vater stirbt, als Eduard Mörike dreizehn Jahre alt ist. Die Leichtigkeit seiner Kindheit endet abrupt.
In Stuttgart besucht er das Gymnasium. Er erfüllt den Wunsch der Mutter und wird evangelischer Pfarrer. Ab 1822 studiert er Theologie in Tübingen, und seine Leidenschaft für Literatur wird
geweckt. Seinen Schmerz über eine unglückliche Liebe verarbeitet er lyrisch in einem ersten
Gedichtzyklus. Beim Schreiben und Zeichnen findet der Anfang Zwanzigjährige einen Weg sich auszudrücken – Krankheiten und Schwermut begleiten ihn zeitlebens.
Eduard Mörike sieht sich mehr als Dichter denn als Pfarrer, und so beginnt für ihn nach bestandenem Theologieexamen eine Lebensphase, die er „Vikariatsknechtschaft“ nennt.
Lieber dichtet er: in Pfarrhäusern und Pfarrgärten, im Wald und auf dem Feld – Jahr um Jahr. „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“. 1832 veröffentlicht er das Gedicht in seiner ersten Novelle „Maler Nolten“.
Die Widersprüche in Mörikes Biografie, seine Zerrissenheit bei Lebens- und Liebesentscheidungen, werden Themen seines literarischen Werks. Er schreibt Lyrik und Prosa über Verlust und psychisches Leiden, Schwierigkeiten bei der Berufswahl, über die Liebe und mit ihr verbundenen Kummer, finanzielle Sorgen und Perspektivlosigkeit, über familiäre Verantwortungen und die Existenz als Künstlerpersönlichkeit.
Und immer wieder schreibt er über die Natur – ihre bunte Lebendigkeit, als Schauplatz der Liebe und als Metapher für den stetigen Fortlauf des Lebens. Farbenfrohe Frühlingsgefühle und Ruhe in dunkler Nacht.
Der Landschaft Schwabens bleibt er immer treu. Mit seinem Beruf als Pfarrer wird er nie identisch, und so lässt er sich, nachdem er in zwölf schwäbischen Gemeinden tätig war, im Alter von 39 Jahren pensionieren. 1851 heiratet er eine katholische Offizierstochter, die beiden werden Eltern zweier Töchter. Er verdient den Lebensunterhalt für die Familie als Lehrer und später als Professor für Literatur. Im Juni 1875 stirbt er in Stuttgart im Alter von 70 Jahren.
Eduard Mörike – Dichter und Denker zwischen Romantik und Biedermeier. Ein Träumender. Er ist’s.
In seiner Novelle lässt er den Protagonisten Maler Nolten über die Kunst reflektieren: „Ist sie denn was anders, als ein Versuch, das zu ersetzen, zu ergänzen, was uns die Wirklichkeit versagt (…)?“
