Juli 2026 | Heinrich Heine
„Ich liebe das Meer wie meine Seele.
Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen: so kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele, und duften und leuchten und verschwinden wieder (…).“
Heinrich Heine schreibt diese Zeilen auf der Insel Norderney und veröffentlicht sie 1826 in „Reisebilder I – Die Nordsee“. Das Meer ist ein wiederkehrendes Motiv in seinem Werk. Immer wieder reist er zur Erholung an die Norddeutsche See – nach Norderney, Wangerooge, an die Elbmündung bei Cuxhaven, nach Helgoland – nach England, an den französischen Atlantik und die italienische Mittelmeerküste. Das wilde Element Wasser bewegt ihn und wird zur Inspiration für zahlreiche seiner Gedichte und Prosastücke.
„Wenn der Wind heult und pfeift, wird mir wohl, und mir ist, als ob liebliche Stimmen mir Reime ins Ohr flüsterten … ich bewundere den Aufruhr der Natur; denn das bewegte Meer gleicht dem Leben, und nur dann schlägt mein Herz gesund, wenn die Wellen des Lebens recht hoch gehen!“
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, in der Romantik, taucht das Meer in den Werken vieler Dichterinnen und Dichter auf. Vereint es doch die romantischen Motive der Hinwendung des Menschen zur unberührten Natur und die Sehnsucht nach der Ferne. Von Aufbruch und Ankommen zugleich, von Harmonie und Naturgewalt, von Endlichkeit und Unendlichkeit.
Heinrich Heine ist ein Vertreter der Epoche der Romantik, und er ist ihr Überwinder.
Mit „Das Fräulein stand am Meere“ schreibt er 1832 mit romantischen Motiven ein anti romantisches Gedicht. Er bricht mit der ernsten Haltung zum Thema Sehnsucht – pointiert, mit dem Stilmittel der Ironie.
„Das“ – nicht etwa ein – „Fräulein stand am Meere“. Schon zu Beginn etabliert er damit das stereotype Bild der sehnsuchtsvoll auf das Meer blickenden einsamen Person. Ihren romantischen Gefühlszustand beschreibt er parodierend, sie „seufzte lang und bang, / Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang.“
Ein Mensch, allein, am Abend, in der Natur, den Blick in die Ferne gerichtet, emotional ergriffen vom Schauspiel der über dem Wasser untergehenden Sonne. Die Grundsituation bedient viele Merkmale romantischer Naturlyrik.
In der zweiten Strophe bricht Heine die sehnsuchtsvolle Stimmung auf ironische Weise. Jemand spricht die junge Frau in direkter Rede an und spricht ihr die Berechtigung der melancholischen Emotionalität ab, nimmt sie nicht ernst. „Mein Fräulein! sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück;“ – und erklärt, was ihr gewiss bewusst: „Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“ Schon endet das Gedicht und die sentimentale Stimmung auch. Mit dem Hinweis auf die Alltäglichkeit des Sonnenuntergangs wird dieser banalisiert, ebenso die Rührung der Frau.
Der volkstümliche Dichter lässt die romantische Haltung, eine mit ihr einhergehende Überhöhung, nicht zu, er desillusioniert und durchbricht sie. Nicht nur inhaltlich, sondern auch im Versmaß – im letzten Vers verwendet er eine zusätzliche Silbe und bringt die metrische Harmonie ins Stolpern.
Heinrich Heine kritisiert die sentimentale Naturergriffenheit in der Romantik, scharfsinnig und scharfzüngig, er macht sich über sie lustig und aus ihr „ein altes Stück“. Sein Gedicht „Das Fräulein stand am Meere“ steht für diesen Wandel, für seine Überwindung der „Kunstperiode“.
Ebenfalls 1832 nimmt er den Tod Johann Wolfgang von Goethes zum Anlass, in seiner Schrift „Die romantische Schule“ die deutsche Literaturtradition zu reflektieren. Dass die Romantikerinnen und Romantiker sich von den realen Ereignissen der Gegenwart abkoppeln, erachtet er als Nachteil für die politische Entwicklung in Deutschland. Er fordert eine Erneuerung – literarisch-ästhetisch und intellektuell-politisch – hin zu einer Literatur, die nicht mehr nach innen gekehrt ist, sondern als Impulsgeber für aktives Handeln dient.
Emanzipation ist ein großes Thema in seinem Leben und seinem Schaffen als Dichter und Journalist. Ebenso die Freiheit und vor allem die Liebe – für ihn untrennbar verbunden mit Schmerz. Liebeslust und Liebesleid versieht er mit einem ironischen Ton und Spott, mal schreibt er melancholisch-humorvoll, mal boshaft oder zärtlich.
Harry Heine wird 1797 in Düsseldorf geboren. Im Alter von 27 Jahren konvertiert er vom Judentum zum Christentum und nennt sich fortan Heinrich. Als promovierter Jurist findet er in Deutschland dennoch keine Anstellung, und es gelingt ihm nicht, Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu werden.
Mit seinem ersten Gedichtband „Buch der Lieder“ und seinen literarischen Reiseberichten „Reisebilder“ etabliert er sich als freier Schriftsteller, und sein Erfolg reicht weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Er vertritt liberale Ansichten und kritisiert soziale Missstände. 1831 zieht Heinrich Heine nach Paris – er verehrt die post-revolutionäre französische Kultur und entflieht der deutschen Zensur und dem deutschen Antisemitismus.
Sein schriftstellerisches Schaffen umfasst ein breites Spektrum. Immer wieder positioniert er sich kritisch zum Zeitgeschehen. Er veröffentlicht Essays, Reportagen, Briefe – arbeitet als einer der ersten Feuilletonisten deutscher Sprache und als politischer Publizist. Er verfasst Gedichte, Erzählungen und Dramen und modernisiert die Literatur, indem er in seine Dichtung Alltagssprache einfließen lässt. Sich selbst bezeichnet er als „entlaufenen Romantiker“.
Heinrich Heine wird einer der Hauptvertreter der Vormärzliteratur. Die Begegnung mit Karl Marx 1843 verschärft seine Sozialkritik, er schreibt „Die schlesischen Weber“, „Nachtgedanken“ und das satirische Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
Im Pariser Exil begleiten ihn Sorgen um sein zugleich vermisstes und verhasstes Heimatland – eine ambivalente Sehnsucht – viele Jahre seines Lebens. Mit seiner Ehefrau Crescence Mirat reist er im Alter von 45 Jahren ein letztes Mal dorthin und besucht seine geliebte Mutter in Hamburg.
Die letzten acht Jahre seines Lebens verbringt der Dichter schwer krank und bettlägerig in Paris in seiner – von ihm so genannten – „Matratzengruft“, wo er 1856 im Alter von 58 Jahren stirbt.
Seine positiven Gefühle und Gedanken zum Meer sind zeitlebens ungebrochen. „O wie lieb ich das Meer, ich bin mit diesem Element so ganz herzinnig vertraut worden, und es ist mir wohl, wenn es tobt.“ Immer wieder fließt es motivisch in sein Werk ein, als Metapher für das menschliche Leben.
Auch zweihundert Jahre nach Heines erstem Besuch an der Nordsee löst der Anblick eines Sonnenuntergangs für viele Menschen – besonders am Meer – romantische Gefühle aus und lässt sie seufzen „lang und bang“. Ein faszinierender Moment des Wandels, eine berührende Begegnung mit der Vergänglichkeit.
Wenn die rote Sonne im Meer versinkt, halten viele Kameras den Augenblick fest. Und den davor und den davor und den davor. Und viele Augenblicke danach auch – das schillernde Spektakel von Lichtern, das Spiel sich verändernder Farben wechselt sekündlich. Der #sunset hat auf Instagram mehr als 337 Millionen Beiträge. Und es werden stündlich mehr – denn „vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“ Tag für Tag.
Romantik hin oder her.
Für Heinrich Heine ist das Meer die Landschaft seiner Seele. „Gar besonders wunderbar wird mir zumute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle – hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Kristallkuppel – ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit.“
