Januar 2027 | Joachim Ringelnatz
Leinen los – dem Horizont entgegen. Die Weite des Meeres, fremde Länder. Freiheit mit gesetzten Segeln. In seinem Elternhaus in Leipzig träumt der Schüler Hans Bötticher im ausgehenden 19. Jahrhundert von der Seefahrt. Die Schulzeit ist geprägt von seinem Widerstand gegen Lehrkräfte und Hänseleien wegen seines Aussehens – der Junge ist klein, seine Nase groß. Er rebelliert und zieht sich zeichnend und schreibend zurück. Seine originellen Gedichte und Geschichten trägt er bei Feiern der Familie vor. Vom Gymnasium wird er verwiesen, weil er sich während der Unterrichtspause im nahegelegenen Zoo von einer Frau aus Samoa den Unterarm tätowieren lässt.
1883 wird Hans Gustav Bötticher im sächsischen Wurzen als jüngstes von drei Geschwistern geboren – beide Eltern sind künstlerisch tätig. Sein Vater zeichnet und verfasst humoristische Texte und Kinderbücher – in Leipzig wird er Teil der Künstler- und Gelehrtenszene der Stadt und hauptberuflicher Schriftsteller.
Nachdem die Schulzeit des Jungen auf einer privaten Realschule weiterhin kompliziert und mit schlechten Noten verläuft, verschafft der Vater ihm 1901 einen Posten als Schiffsjunge auf einem Segelschiff. Der Traum von der Seefahrt erfüllt sich für Hans Bötticher – er „erfährt“ die Weltmeere, segelt nach Südeuropa, Vorderasien und Südamerika. Doch schnell dreht sich der Wind und Ernüchterung stellt sich ein. Das Abenteuerleben geht für ihn mit belastenden Arbeitsbedingungen einher, und auch an Bord sieht er sich Spott und Demütigungen ausgesetzt. An Land übt der Matrose zwischen Hamburg und München im Laufe seines Lebens über dreißig verschiedene Berufe aus – vom Schaufensterdekorateur bis zum Fremdenführer – und er durchlebt immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit und großer Armut.
Im Ersten Weltkrieg meldet er sich freiwillig zur Kriegsmarine, er wir Kommandant eines Minensuchbootes – an einer Seeschlacht ist er nicht beteiligt. Seine Erlebnisse auf See und an Land bringt er zeitlebens in Bild und Sprache zu Papier.
1909 steht er erstmals im Münchener Künstlerlokal „Simplicissimus“ – Treffpunkt der Bohème um Hermann Hesse, Emmy Ball-Hennings, Frank Wedekind und weitere Zeitgenossen – auf der Bühne, und seine literarische Laufbahn beginnt.
Unter Pseudonymen – ab 1919 wird er sich Joachim Ringelnatz nennen – werden seine humorvollen Gedichte in der satirischen Zeitschrift „Simplicissmus“ gedruckt, und er veröffentlicht die ersten Bücher. 1912 erscheint sein Gedichtband „Die Schnupftabakdose – Stumpfsinn in Versen und Bildern“, der einige seiner bekanntesten Verse enthält – darunter auch „Die Ameisen“.
Hamburg ist zu dieser Zeit die Stadt mit dem drittgrößten Hafen der Welt. Fracht- und Passagierschiffe laufen ein und aus, transportieren Güter und Menschen über die Elbe von einem Kontinent zum anderen. Die Stadt wird auch zum Schauplatz des Gedichts.
Zwei Ameisen, diese fleißigen und klugen Tiere, wählt der Dichter als Protagonisten für seine
Fabel in Versform. Klein wie sie sind, haben die beiden ein großes Ziel: zur Antipode Australien zu reisen, der gegenüberliegenden Seite der Erde. Doch schon bei der angrenzenden Stadt Altona – heute ein Bezirk Hamburgs – erkennen sie ihre Überforderung, denn: „Da taten ihnen die Beine weh“. So beenden sie ihre Reise, der Dichter nennt es „weise“, und lässt sie bescheiden auf etwa 14.000 km Luftlinie „verzicht[en]“ – „den letzten Teil der Reise.“
Und die Moral? In den letzten zwei von acht Versen im Paarreim überträgt der Dichter die Erfahrung der Tiere auf den Menschen: „So will man oft und kann doch nicht / Und leistet dann recht gern Verzicht.“ Er entlarvt den Selbst-betrug beim Rückzug von einem Vorhaben, dessen Umsetzung mangelndes physisches oder psychisches Durchhaltevermögen verhindert. Ringelnatz zeigt das Phänomen der Selbstüberschätzung, indem er es von zwei Seiten beleuchtet. Einerseits die vernünftige Einsicht in das eigene Unvermögen, weil das „größenwahnsinnige“ Ziel nicht erreichbar ist. Andererseits impliziert er, dass, wer sich nichts Großes zutraut, zu früh abbricht, auch Träume aufgibt und im Durchschnittlichen enden kann, möglicherweise bequem wird. So verbirgt sich hinter dem ironischen „weise“ auch der Abschied vom Höheren, Größeren. Mit der Auswahl der winzigen Ameisen zeigt Ringelnatz Empathie für die „kleinen Leute“ mit ihren Schwierigkeiten, die gesteckten Ziele in der großen Welt zu erreichen.
Lakonischer Humor und eine Alltagssprache finden sich in vielen seiner Reimgedichte – ironisch schreibt er über Sport in seinen „Turngedichten“ und erfindet den Seefahrer „Kuttel Daddeldu“ – er veröffentlicht hunderte Gedichte, auch Erzählungen, Theaterstücke, Kinderbücher und Autobiographisches. Die anfängliche „Unsinnspoesie“ wird zunehmend fein-und hintersinniger; Joachim Ringelnatz’ komische und verspielte Verse klingen im Laufe seines
Lebens nachdenklicher und melancholischer – ernster.
Die größten Erfolge feiert er in den „Goldenen Zwanzigern“ auf den Kabarett-Bühnen der Weimarer Republik, stets in einen Matrosenanzug gekleidet. Sein künstlerisches Talent ist breitgefächert: Er malt, arbeitet als Schauspieler und Schriftsteller. Mit der Liebe seines Lebens, seiner Frau Leonharda, lebt er zu dieser Zeit in München. Er gibt ihr den poetischen Kosenamen Muschelkalk. Sein Künstlername Joachim Ringelnatz erinnert ebenfalls an ein maritimes Wort: das Seepferdchen wird unter Matrosen Ringelnass genannt.
1930 ziehen Muschelkalk und er nach Berlin, um seine beruflichen Möglichkeiten zu erweitern. Doch der Aufstieg der NSDAP hat das Gegenteil zur Folge: Die Nationalsozialisten verfemen seine Bilder als „Entartete Kunst“ und verbrennen die Bücher mit humoristischsozialkritischen Gedichten. Auch der Seemann „Kuttel Daddeldu“ landet auf dem Scheiterhaufen, und Joachim Ringelnatz’ Matrosenanzug muss im Schrank bleiben: 1933 wird dem Dichter Bühnenverbot erteilt. Seiner Einnahmequellen beraubt, verarmt er und stirbt ein Jahr später im Alter von 51 Jahren an Tuberkulose.
Beim Begräbnis auf dem Berliner Waldfriedhof wird sein Lieblingslied „La Paloma“ gespielt – der Grabstein ist aus Muschelkalk.
