Januar 2026 | Hermann Hesse
„Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle. Zu dieser Klarheit kam aber allmählich eine andre, peinliche Einsicht. [...] Zu allen Berufen der Welt gab es einen Weg, gab es Vorbedingungen, gab es eine Schule, einen Unterricht für den Anfänger. Bloß für den Dichter gab es das nicht! [...] Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr. Rasch hatte ich gelernt, was aus der Situation zu lernen war: Dichter war etwas, was man bloß sein, nicht aber werden durfte.“
So schreibt Hermann Hesse in seinem 1925 veröffentlichten Text „Kurzgefasster Lebenslauf“. Zu dieser Zeit ist er 48 Jahre alt und schon lange der Dichter, der er als Junge werden wollte. Auf seinem Weg zu diesem Beruf widersetzt er sich den Vorstellungen seiner streng pietistischen Eltern. Der Vater hatte als evangelischer Missionar in Indien gearbeitet, die Mutter war dort als Tochter eines Missionars aufgewachsen. Sie wollen, dass ihr 1877 im schwäbischen Calw geborener Sohn Hermann ebenfalls ein frommes Leben führt und Theologe wird.
Erziehungsheim, Eliteinternat, Nervenheilanstalt – Wut, Flucht, Suizidgedanken. Der Jugendliche rebelliert, weiß er als 15-Jähriger doch längst, dass er „ein Dichter oder gar nichts werden wolle“.
Die Versuche der Eltern und Erzieher, seinen Eigensinn zu brechen, misslingen. Nach einer Ausbildung zum Buchhändler veröffentlicht er 1899 „Romantische Lieder“, seine erste Gedichtsammlung. 1904 wird sein autobiografisch gefärbter erster Roman „Peter Camenzind“ ein großer Erfolg – fortan lebt Hermann Hesse als freier Schriftsteller.
Eigensinn ist eines seiner Lebensthemen, Sujet auch in seinem dichterischem Werk. Erfährt er den Begriff in seiner Kindheit negativ konnotiert als Synonym für Trotzigkeit, kehrt Hesse ihn im Laufe der Jahre mehr und mehr ins Positive. Er wird zum Ausdruck eines Lebensziels: den eigenen Sinn finden. Der werden, der man ist, und den Sinn seines Lebens – am besten in sich selbst – aufspüren. Das bedeutet für ihn Eigensinn.
Als er 1941 „Stufen“ schreibt, ist er ein Mann von 63 Jahren und lebt in Montagnola im schweizerischen Tessin – ursprünglich trägt das Gedicht den Titel „Transzendieren!“, Grenzen
überschreiten. Er reflektiert darin über die Lebensstufen des menschlichen Daseins, über das Altern, den Wandel, über Anfang und Abschied und den Mut Vertrautes loszulassen.
Im Bild einer Blüte, die welkt, spiegelt er die Jugend, die vergeht. Alles hat seine Zeit und unterliegt dem Wandel. Wie die Natur sich verändert, so „blüht jede Lebensstufe, / [...] / Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.“ Wenn der Mensch – „das Herz“ – offen bleibt für Veränderungen und sie akzeptiert, kann der unvermeidliche Übergang zu Neuem sanft erfolgen. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“
Die zweite Strophe schreibt Hesse mit weniger Versen – auch Lebenszeit verkürzt sich Tag für Tag. Er spricht nun von „wir“ und „uns“ und motiviert, dem Wandel der Lebensphasen mit Heiterkeit zu begegnen – angstfrei, denn: „Der Weltgeist [...] / will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.“
Statt im Vertrauten bequem und passiv zu werden, versprechen „Aufbruch“ und „Reise“ neue Eindrücke und Erkenntnisse. Und selbst die „Todesstunde“ vermag womöglich noch Ungeahntes offenbaren. Eine weitere Stufe?
Viele Phasen in Hesses Leben sind gezeichnet von Krisen – das philosophische Gedicht lässt sich als Appell lesen, Veränderungen tapfer zu begegnen, frei zu bleiben und die glücklichen Momente jeder Lebensstufe als solche wahrzunehmen. „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Mit der Suche nach dem Sinn setzt Hesse sich zeitlebens auseinander, er strebt nach innerer Entwicklung und Unabhängigkeit. Sein Drang nach Freiheit und Rückzug steht oft im Widerspruch zu seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer bürgerlichen Existenz. Seit der Jugend begleiten ihn Melancholie und Einsamkeit, emotionale Abgründe sind ihm vertraut und prägen sein dichterisches Werk – viele seiner Romane und Gedichte zeigen autobiografische Bezüge. Individuelle Suche nach Identität und Lebenssinn ist zeitlos. Die Jugend einer Generation bewegt sie besonders. Hesses Literatur – mit den Themen Heranwachsen, Selbstfindung, Freundschaft und dem Dasein als Außenseiter – erreicht sie auf ihrer eigenen Lebensstufe.
„Stufen“ schreibt der Verfasser von mehr als tausend Gedichten 1941 mit der Lebenserfahrung von sechs Jahrzehnten. Er ist Vater von drei Söhnen und hat seine Familie verlassen, er hat Indien und Südostasien bereist, seiner Liebe zur Natur in der Aquarellmalerei Ausdruck verliehen, ist in dritter Ehe verheiratet, und hat aus der Distanz seiner Wohnsitze in der neutralen Schweiz den Ausbruch von zwei Weltkriegen erlebt. Während des ersten positioniert er sich gegen Nationalismus, während des zweiten wird sein Zuhause im Künstlerbergdorf Montagnola Anlaufpunkt deutscher Exilanten. Seinen letzten Roman „Das Glasperlenspiel“ veröffentlicht er 1943 in der Schweiz – er bettet „Stufen“ in die utopische Handlung ein und gibt dem Gedicht eine dramaturgische Bedeutung.
1946 wird dem Autor von „Demian“, „Siddharta“ und „Der Steppenwolf“ der Literaturnobelpreis verliehen. Bis zu seinem Tod 1962 widmet sich Hesse – trotz zunehmend schlechter gesundheitlicher Verfassung und schwerem Augenleiden – weiterhin dem Briefeschreiben. Viele Leserinnen und Leser empfinden seine Literatur als Lebenshilfe und wenden sich mit ihren Fragen um Rat an ihn. Mehr als 30.000 Briefe erreichen den Dichter, über die Hälfte beantwortet er. Hermann Hesse versucht den Menschen Impulse zu geben, ihren individuellen Lebensweg zu finden, sich zu erkennen, und ermutigt sie, gemäß ihrer inneren Wahrheiten zu leben – eigensinnig.
