Dezember 2026 | Erich Fried
Nach dem deutschen Einmarsch in Wien 1938, der mich aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte, und nach der Ermordung meines unpolitischen Vaters durch Gestapo-Beamte, nahm ich mir vor, wenn ich lebend entkäme, zu tun, was mein Vater in den letzten Jahren seines Lebens vergeblich tun wollte: Schriftsteller zu werden. Ich wollte gegen Faschismus, Rassismus und die Austreibung unschuldiger Menschen schreiben.“
So formuliert Erich Fried im Londoner Exil seinen schriftstellerischen Impetus. Als er 1938 aus seiner österreichischen Heimat flieht, ist er 17 Jahre alt. Den Nationalsozialisten lebend entkommen, realisiert er sein Vorhaben: Er wird Dichter und positioniert sich zeitlebens gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung.
In mehr als zwanzig Gedichtbänden veröffentlicht er ab 1944 seine Verse – er schreibt über alles, was ihn bewegt: den Holocaust, über Kapitalismus, den Krieg in Vietnam, über Sehnsüchte, Sozialismus, atomares Aufrüsten, Österreich, die Liebe und vieles mehr.
Es ist, was es ist. In Deutschland sieht Erich Fried seine literarische Heimat, aber es ist auch das Land der Verfolger und Mörder seiner Familie. Der linke Lyriker provoziert Mächtige, indem er das Zeitgeschehen schonungslos kommentiert; er ist ein moralischer Mahner, der an die Vergangenheit erinnert und erwartet, dass Lehren aus ihr gezogen werden, und auch ein Erklärer. Er scheut keine Konflikte, polarisiert, polemisiert und sucht die Auseinandersetzung mit Widersprüchlichem – auch in der Sprache seiner Gedichte, die in die Tausende gehen.
Sie treffen in der Bundesrepublik Deutschland vor allem den Nerv der friedensbewegten, politisch links verorteten Jugend. Er wird Mitglied der „Gruppe 47“ und zu einer Ikone der 68er-Bewegung. Anders in konservativen Kreisen, dort heißt er „Stören-Fried“.
Er ist, wer er ist. Erich Fried ist ein Menschenfreund, dessen Nächstenliebe trotz der Gräueltaten an seiner jüdischen Familie im Nationalsozialismus nicht zerbrach. Er sucht den Dialog mit Andersdenkenden, möchte sie verstehen und zwischen Menschen und ihren Taten unterscheiden. Liebe und Politik begreift er als zusammengehörig. Sein Engagement gegen Ungerechtigkeit gilt auch, wenn sie politische Gegner trifft.
1979 überrascht der fast Sechzigjährige mit der Veröffentlichung seiner „Liebesgedichte“ – sie werden zum größten Erfolg des Lyrikers, der Gedichtband zu einem der erfolgreichsten überhaupt in der BRD. Nach wie vor lebt Fried in seiner einstigen Exil-Stadt London. Er ist in dritter Ehe verheiratet und Vater von sechs Kindern.
Sein berühmtestes Gedicht „Was es ist“ erscheint 1983 – fünf Jahre bevor er an den Folgen einer Krebserkrankung stirbt.
Darin widmet er sich der Liebe, jenem Gefühl starker Zuneigung, das mit Worten so schwer zu greifen ist. Fried formuliert einen Dialog zwischen der Liebe und ihren möglichen Widersachern:
Vernunft, Berechnung, Angst, Einsicht, Stolz, Vorsicht und Erfahrung. Sie alle werden personifiziert, und jeder „sagt“ aus der eigenen Perspektive, was „es ist“. Sie sprechen von „Unsinn“, „Unglück“, „Schmerz“ und den Adjektiven „aussichtslos“, „lächerlich“, „leichtsinnig“ und „unmöglich“.
Die Konnotationen sind allesamt negativ, so wird die Liebe in Frage gestellt. Aber sie – ebenfalls personifiziert – wird nicht unsicher, sie wiederholt fortwährend lakonisch: „Es ist, was es ist.“
Der so entstehende Dialog in drei Strophen lässt sich als Auseinandersetzung zwischen Kopf und Herz lesen, als verbaler Ballwechsel zwischen Warnungen vor der Liebe und Vertrauen in sie. Die rationalen Argumente greifen an, versuchen eins nach dem anderen ein breites Spektrum abschreckender Behauptungen auszuspielen, erhöhen die Schlagkraft von zwei auf sechs Verse nach der ersten Strophe. Die Liebe wehrt sanftmütig, aber standhaft ab. „Es ist was es ist / sagt die Liebe“ – und das dreimal, zum Ende jeder Strophe.
Die Liebe spricht in der Überschrift, und sie hat das letzte Wort.
Erich Fried erklärt die Liebe mit der Überwindung der Hürden, die sich ihr in den Weg stellen können. „Was es“ konkret bedeutet, benennt er nicht. Ob sie ihr Wesen trotz oder wegen der ihr entgegengebrachten Einwände hat, und was die Liebe darüber hinaus im Positiven ausmacht, lässt er in der Schwebe. Der Vers „Es ist was es ist“ kann argumentativ nicht widerlegt werden – die Aussage ist tautologisch.
Der Dichter offenbart so die Größe der Liebe, die bei ihm über den Dingen und für sich steht, keiner weiteren Erläuterung bedarf. Sie stellt sich der Konfrontation – ohne das Bemühen, sich mit vielen Worten zu erklären; wer sie je erlebt, weiß um ihre Bedeutung, um das große Glück und das große Leid, das mit ihr verbunden sein kann.
Erich Frieds Liebe lobt sich nicht, sie rechtfertigt sich nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie ist, was sie ist.
