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August 2026 | Sarah Kirsch

Die Kreisläufe in der Natur, der Zustand der Welt und menschliche Seelenlagen sind in Sarah Kirschs Naturlyrik eng miteinander verbunden. Hinter landschaftlichen Beschreibungen entwirft sie Spiegelbilder seelischer Zustände und spielt auf politisches Geschehen an. „Im Sommer“ veröffentlicht die Lyrikerin 1977 in ihrem Gedichtband „Rückenwind“. Es ist dasselbe Jahr, in dem sie Erich Honecker in einem Brief um Erlaubnis bittet, aus der DDR auszureisen. Wenige Tage später dürfen Sarah Kirsch und ihr Sohn Moritz Ost-Berlin verlassen, und die beiden ziehen in den Westen der Stadt.

Das Gedicht beschreibt einen Landstrich abseits der Metropole, der „[d]ünnbesiedelt“ ist, agrarisch geprägt und atmosphärisch unaufgeregt. Schließlich „[l]iegen die Dörfer schläfrig“ und „die Katzen“ bleiben zumeist vom „Steinwurf“ verschont. Eine erste Assoziation zur DDR, in der die Landwirtschaft industriell in großen Betrieben organisiert ist, lässt die Dichterin mit dem Vers „[t]rotz riesigen Feldern und Maschinen“ entstehen; ebenso zu Brüchen in der Naturidylle.

In der zweiten Strophe zeichnet sie Bilder von sommerlichen Himmelsspektakeln der „Sterne“ und „Wolken“, von fliegenden und spazierenden Tieren in ihrer natürlichen Umgebung. Zwei Wörter durchkreuzen die Harmonie der unberührten Natur, die „Noch (…) unvergiftet[]“ scheint. Die sommerliche Jahreszeit ist flüchtig und wird unweigerlich in den Herbst übergehen.

„Wenn man hier keine Zeitung hält / Ist die Welt in Ordnung.“ In der dritten Strophe rückt Sarah Kirsch den Menschen in den Mittelpunkt und ihr Verweis auf androhende Gefährdung von außen wird expliziter. Doch noch ist, während der Pflaumenernte, der Sommer gegenwärtig, jene Jahreszeit voll Sonnenschein, Wärme und Farbenpracht, in der die Welt „schön“ ist – und auch „das eigne Gesicht“. Weit weg scheinen die Nachrichten der Außenwelt in dieser informationslosen Idylle, das, was gleichzeitig andernorts stattfindet. Wie nah sind die Ökologischen, sozialen, politischen Bedrohungen? Das Gift? Ihre Warnzeichen verwebt Sarah Kirsch mit Versen, die das Magische in der Natur benennen.

Sie beendet das Gedicht mit einem Bild blühender „Felder“ und verwendet dafür ein Adjektiv zerstörerischer Kraft: „Feuerrot leuchten“ sie. Es ist auch die Farbe des Sozialismus.

„Im Sommer“ lässt sich als weitsichtige Diagnose sozio-ökologischer Bedrohungen lesen, als Analyse einer Lyrikerin, die weiß, dass der politischen und landschaftlichen Situation eine Katastrophe droht. Und als melancholischer Rückblick in eine Zeit, in der der Sommer für die Dichterin auf und in „ihrem“ Land noch unbeschwert, die natürliche Umgebung unvergiftet sind.

1977, im Jahr der Veröffentlichung des Gedichts, kehrt Sarah Kirsch ihrer Heimat und der sozialistischen Ordnung den Rücken. Sie ist Anfang Vierzig und in der DDR eine etablierte Autorin und Lyrikerin, doch sie erzeugt politischen Gegenwind: Im Jahr vor ihrer Übersiedelung in den Westen wird sie aus der SED und dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, nachdem sie die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung von Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann unterzeichnet hat.

Ingrid Hella Irmelinde Bernstein wird 1935 im Pfarrhaus von Limlingerode in Thüringen geboren. Die Familie zieht nach Halberstadt, wo das Mädchen 1945 einen Bombenangriff erlebt und überlebt. Ihr Interesse an der Natur ist groß: Nach dem Abitur beginnt sie eine Lehre zur Forstarbeiterin und absolviert ein Studium zur Diplom-Biologin an der Universität in Halle an der Saale.

1960 heiratet sie den Lyriker Rainer Kirsch und veröffentlicht erste lyrische Texte. Als Pseudonym wählt sie aus Protest gegen Antisemitismus den Vornamen Sarah – die Nationalsozialisten hatten ihn jüdischen Frauen in ihre Pässe geschrieben. Gemeinsam mit Rainer Kirsch veröffentlicht sie 1965 ihren ersten, hochgelobten Gedichtband „Gespräch mit dem Saurier“, ein Dialog mit der ausgestorbenen Spezies als Allegorie auf den niedergerungenen Kapitalismus. Die beiden studieren am Institut für Literatur in Leipzig und sind Mitte der 1960er-Jahre noch Teil der vom Sozialismus überzeugten Generation, die den Aufbau ihrer Republik mitgestalten will. Noch ist sommerliche Stimmung in der DDR.

Zwei Jahre später erscheint ihr erster eigener Gedichtband „Landaufenthalt“, mit dem sie in Ost- und Westdeutschland bekannt wird. Sarah Kirschs Sprachstil ist eigenwillig, ihre Lyrik verfasst sie zumeist reimlos, kurz und in freiem Versmaß; Rhythmus und Tempo erzeugt sie mit Enjambements und Zeilenumbrüchen. Die Themen Liebe, Natur, Einsamkeit und Politik dominieren ihr Werk. Sie schreibt sozialkritisch, naturverbunden, melancholisch, liebeslyrisch.

Die Ehe von Rainer und Sarah Kirsch wird 1968 geschieden. Im darauffolgenden Jahr bringt die Lyrikerin ihren Sohn Moritz zur Welt. Die Beziehung zu dessen Vater, dem Schriftsteller Karl Mickel, hält nur kurz. Alleinerziehend lebt sie in Ost-Berlin und arbeitet als Journalistin und Übersetzerin.

Ihr Blick auf die DDR ist in den 1970er-Jahren zunehmend herbstlicher. Sie schreibt Kinderbücher und veröffentlicht weitere Gedichtbände – mit metaphorischen Versen umgeht sie die Zensur. Der Observierung durch das Ministerium für Staatssicherheit entkommt sie, die Widerspruch wagt, aber nicht. Auch mit ihrer Unterstützung Wolf Biermanns widerspricht sie. Vorladungen und Verhöre folgen, doch sie weigert sich, ihre Unterschrift auf der Protesterklärung zurückzuziehen. Mit dem Ausschluss aus der SED und dem Schriftstellerverband wird ihr die Möglichkeit genommen, weiter zu publizieren.

Nach der Übersiedlung mit Moritz in den Westen kann sie an ihre künstlerischen Erfolge und ihre Popularität ab 1977 in der BRD anknüpfen. Bereits im Folgejahr erhält sie ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom.

Sarah Kirsch schreibt täglich, und beinahe im Jahresrhythmus veröffentlicht sie bis zu ihrem Lebensende Gedicht- oder Prosabände. Anfang der 1980er-Jahre wird ihr das Leben in Berlin-Charlottenburg, umgeben von vielen anderen Autorinnen und Autoren, zu turbulent, zu unkonzentriert für ihre schriftstellerische Arbeit. 1983 erwirbt sie im schleswig-holsteinischen Thielenhemme ein ehemaliges Dorfschulhaus hinterm Eiderdeich. Umgeben von der Natur dieses dünnbesiedelten Marschlands, zwischen Nordsee und Nord-Ostsee-Kanal, fühlt sie sich am richtigen Ort; und die studierte Naturwissenschaftlerin findet in der norddeutschen Landschaft Inspiration für ihre Lyrik. Sie wohnt, aquarelliert und vor allem schreibt dort über drei Jahrzehnte – bis sie 2013 im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit stirbt. Ihrem eigenen Wunsch entsprechend wird die Urne in ihrem Garten begraben.

„Wenn man hier keine Zeitung hält / Ist die Welt in Ordnung.“