April 2026 | Mascha Kaléko
„Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.“ Zwei Sätze – ein Gefühl und ein Gedanke, die eine große Menschheitsfrage beantworten. Zumindest aus Sicht des lyrischen Ichs in Mascha Kalékos Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“. Über drei Strophen formuliert die Lyrikerin zahlreiche Gründe für ein vergnügtes Lebensgefühl, für die Lebensfreude eines Moments, in dem innerlich „alles aufgeräumt und heiter“ ist. „Dass Mücken stechen“ und „Spatzen schwatzen“ beglückt ebenso wie die Tatsache, „dass es regnet, hagelt, friert und schneit“. Das breite Spektrum der Eindrücke und Veränderungen in der Natur ist positiv konnotiert und gipfelt in sinnerfüllter Daseinsfreude: „Ich freue mich vor allem, dass ich bin.“
Mascha Kaléko beschreibt eine Momentaufnahme von subjektiv empfundenem Glück, eine alles durchdringende Freude, die euphorisiert, auf emotional intensive Höhen leitet. „An solchen Tagen erklettert man die Leiter, / Die von der Erde in den Himmel führt“. So fühlend – verliebt in das Leben und konfliktfrei mit sich selbst und der Umwelt – „kann der Mensch (…) den Nächsten lieben.“ Darüber äußert sich das lyrische Ich zum Ende der letzten Strophe vergnügt, und bleibt vom immer wieder neu wahrzunehmenden „Wunder“ und von dem „Schöne[n]“ fasziniert. Was weitere Freude auslöst. Erstaunt über diese Intensität endet das Gedicht mit der Essenz in einer Anapher: „Ich freu mich, dass ich … dass ich mich freu.“ Die Bilder in Mascha Kalékos Versen sind – bis auf „rote Luftballons“ – allesamt natürlich. Das lyrische Ich erfreut sich an der sinnlichen Wahrnehmung der Abläufe in der Natur und kann sich begeistert darauf einlassen. Obwohl – was war zuerst? War die Lebensfreude innerlich schon spürbar und hat die große Begeisterungsfähigkeit für das Außen dann ermöglicht? Oder färben die Schönheiten und Wunder in der Außenwelt auf die Gefühlslage ab und lösen das Vergnügtsein dadurch erst aus?
Auch wie lange dieses „Sozusagen grundlos vergnügt[e]“ Gefühl anhält, bleibt offen. Eine Momentaufnahme zweifelsfreier Freude.
Und doch lässt sich in demGedicht eine Dialektik lesen – die vermeintlich ungebrochene Freude als kindliche Utopie einer Wissenden, die sich der Bedrohungen in der Welt bewusst ist und sich ihnen zum Trotz freut. Obwohl es „grundlos“ ist – es keinen Grund zum Vergnügtsein gibt – und in der Kenntnis, dass „rote Luftballons“ platzen können; oder ihnen nach kurzer Zeit die Luft entweicht.
Die Dichterin hat früh erfahren, dass die menschliche Existenz nicht bedingungslos freudvoll ist. In ihrem Leben dominieren die Phasen, die nicht von der Leichtigkeit des Seins geprägt sind. Golda Malka Aufen wird 1907 im österreichisch-ungarischen Galizien geboren, im heute polnischen Chrzanów. Ihre Wohnorte geben Auskunft über die Biografie einer Jüdin im historischen Kontext zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus. Frankfurt am Main, Marburg, Berlin, New York City, Jerusalem. Und sie stehen für ein Gefühl von Heimatlosigkeit, das sie zeitlebens begleitet.
Berlin ist der Ort ihrer Jugend und jungen Erwachsenenjahre – von 1918 bis 1938 lebt sie in der wachsenden Großstadt. Sie absolviert eine Bürolehre und besucht Abendkurse in Philosophie und Psychologie. Sie heiratet Saul Aaron Kaléko, einen Lehrer, und als Mascha Kaléko wird sie Ende der 1920er-Jahre – im Alter von Anfang Zwanzig – Teil der künstlerischen Avantgarde und steht bald in deren Mittelpunkt. Erste Kabarett-Gedichte von ihr werden in Zeitungen veröffentlicht, im
Romanischen Café gegenüber der Gedächtniskirche steht sie im Austausch mit Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz und anderen literarischen Persönlichkeiten.
In einfacher und direkter Sprache schreibt sie pointensicher und ironisch-melancholisch über das Berliner Leben mit seinen Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten – eine neuartige Großstadtlyrik. Ihre Themen sind der Alltag im Büro, die Liebe, Sehnsüchte und Nöte, die Probleme der Menschen – so entsteht eine zugängliche Poesie aus dem Alltag für den Alltag – und sie trifft damit den Nerv der Zeit. Mascha Kaléko formuliert im Stil der Neuen Sachlichkeit, jener Kunstrichtung in der Weimarer Republik zwischen den Weltkriegen, bei der die Betrachtung der gesellschaftlichen Gegenwart sachlich und unsentimental erfolgt – als Gegenbewegung zum metaphernreichen Expressionismus.
Ihr erster Gedichtband „Das lyrische Stenogrammheft“ erscheint 1933 bei Rowohlt, und Mascha Kaléko „erklettert (…) die Leiter“ des großen Erfolgs. Grund zu großer Freude – doch 1935 erteilen ihr die Nationalsozialisten ein Berufsverbot als Schriftstellerin und untersagen den weiteren Verkauf ihrer Bücher. Ende der Karriere.
Der Komponist und Dirigent Chemjo Vinaver wird Mascha Kalékos zweiter Ehemann und Vater ihres Sohnes. 1938 emigriert die Familie noch vor den November-Pogromen von der Spree an den Hudson River. In New York veröffentlicht Kaléko deutschsprachige Gedichte in einer jüdischen Exilzeitung. Geld verdient sie mit dem Verfassen englischer Werbetexte für Toilettenartikel und
Unterwäsche. Ihre Sehnsucht nach verlorener Heimat und Sprache ist intensiv, die finanzielle Situation kritisch.
In Erinnerung an Berlin schreibt sie Kindergedichte im Dialekt, reimt über Tiere und die Natur. In Gedanken an sozusagen grundlos vergnügte Tage?
Mitte der 1950er-Jahre betritt sie zum ersten Mal wieder deutschen Boden. „Das lyrische Stenogrammheft“ wird wieder aufgelegt – erneut erfolgreich. Sie wird für den Fontane-Preis nominiert, doch als sie erfährt, dass ein ehemaliges SS-Mitglied in der Jury sitzt, lehnt sie ab. Keine weitere Nominierung wird folgen.
„Das Glück ist arm an Phantasie; / Sein Repertoire ist ziemlich klein. / Das Unglück aber –
ein Genie! / Es fällt ihm stets was Neues ein.“
Mascha Kaléko zieht ihrem Mann zuliebe mit nach Jerusalem, wo er arbeitet – sie bleibt dort fremd, sprachlich und kulturell isoliert. Es ist ihre dritte Emigration.
1968 ereignet sich die größte Katastrophe ihres Lebens: Ihr Sohn stirbt an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Fünf Jahre später verliert sie ihren geliebten Mann durch einen Herzanfall. „Bedenkt: den eigenen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“
1975 stirbt Mascha Kaléko im Alter von 67 Jahren in einem Züricher Krankenhaus an Magenkrebs. Bis dahin drückt sie ihre Gedanken und Gefühle noch in zahlreichen leidenschaftlichen Versen aus. „Mein schönstes Gedicht? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“
Eine Vielzahl ihrer Gedichte erscheint posthum und mit unbekanntem Entstehungsdatum. In welcher Lebensphase, an welchem Ort Mascha Kaléko „Sozusagen grundlos vergnügt“ geschrieben hat, ist ebenfalls nicht überliefert. Es wurde erstmals 1977 in dem Band „In meinen Träumen läutet es Sturm“ veröffentlicht.
„Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen.“ Eine Momentaufnahme des Glücks.
